Männlichkeit heute fühlt sich für viele Männer vor allem unsicher an. Die alten Rollen funktionieren nicht mehr, und eine neue hat dir keiner in die Hand gedrückt. Das kann sich wie ein Verlust anfühlen. Es heißt aber auch: Du darfst selbst entscheiden, was für ein Mann du sein willst. Ein Text, der über 120 Jahre alt ist, hilft dabei erstaunlich gut.
Vielleicht kennst du das. Im Meeting sollst du dich mit deinen Ideen gegen andere durchsetzen. Nachmittags holst du die Kinder von der Kita ab und willst geduldig sein. Abends wünscht sich deine Partnerin, dass du mehr redest und sagst, was los ist. Und irgendwann fragst du dich: Mache ich es eigentlich irgendwem recht?
Das Wichtigste in Kürze
- Fast alle jungen Männer spüren, dass sich etwas ändern soll. Mehr als die Hälfte will das auch.
- Hedwig Dohm hat 1902 vier Rollen beschrieben, mit denen Männer die alte Ordnung verteidigt haben. Die gibt es bis heute.
- In jeder dieser Rollen steckt ein Bedürfnis und eine Stärke, die du anders nutzen kannst.
- Neue Männlichkeit heißt: Du suchst dir aus, was du mitnimmst.
Inhalt
Wie ich auf das Thema gekommen bin
Den Anstoß für diesen Text gab mir ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse 2026, das der Deutschlandfunk gesendet hat. Drei Autorinnen haben dort über Feminismus gestern und heute gesprochen. Auf dem Podium saßen die Historikerin Bianca Walther, die Handwerkerin Cindy Adriana Speich und die Autorin Sophia Fritz.
Im Gespräch ging es um Hedwig Dohm. Sie hat 1902 vier Typen von Männern beschrieben, die sich gegen die Rechte der Frauen gestellt haben. Bianca Walther hat sinngemäß gesagt: Diese vier Typen trifft man bis heute. Als Männerberater hat mich das natürlich angesprochen und ich wollte wissen, was diese vier Rollen mit Männlichkeit heute zu tun haben. Und mit Männern, die gerade ihren Platz suchen.
Warum Männlichkeit heute so viele Männer verunsichert
Schauen wir uns zunächst die Situation Heute an. Plan International hat 2023 rund 1.000 junge Männer in Deutschland gefragt, wie sie ihr Mannsein erleben. Fast alle, nämlich 95 Prozent, merken, dass sich etwas an ihnen ändern soll. Und gut jeder Zweite (54 Prozent) will diesen Weg auch gehen. Bei der Männlichkeit heute bewegt sich also eine ganze Generation.
Die Umfrage zeigt aber auch, was dabei bremst. Sieben von zehn Befragten meinen, mit ihren Sorgen müssten sie allein fertigwerden (71 Prozent). Jeder Zweite hält Gefühle für eine Schwachstelle. Und fast zwei Drittel (63 Prozent) kennen Phasen, in denen sie sich innerlich allein und niedergeschlagen fühlen. Viele Männer wollen also anders leben. Wie man darüber redet, hat ihnen nur keiner gezeigt.
Bei Vätern sieht die Rolle des Mannes heute ähnlich aus. Laut Väterreport 2023 möchte jeder zweite Vater die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen. Der Wunsch ist da. Oft fehlt das Vorbild, weil die eigenen Väter es anders gemacht haben.
Die vier alten Rollen des Mannes nach Hedwig Dohm
Hedwig Dohm war eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit. 1902 erschien ihr Buch „Die Antifeministen“. Darin hat sie den Begriff Antifeminismus geprägt und die Gegner der Frauenbewegung in vier Gruppen eingeteilt.
Ich beschreibe die Typen kurz, ohne zu bewerten. Dabei schaue ich auch hinein und frage mich, was fühlt dieser Mann dabe und was brauchte dieser Mann eigentlich? In jeder Rolle steckt auch ein unerfülltes Bedürfnis, das du vielleicht selbst kennst.
1
Die Altgläubigen
Beschreibung
Er hält an der Ordnung fest, die er kennt. Dass Mann und Frau verschiedene Aufgaben haben, gilt für ihn als gottgegeben oder als Gesetz der Natur. Sein Grundsatz lautet laut Dohm: „Weil es immer so war, muss es immer so bleiben.“ Dohm zählte den größten Teil der Gesellschaft zu dieser Gruppe.
Gefühl
Unsicherheit, wenn sich Gewohntes verändert. Manchmal auch die Angst, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Bedürfnis
Sicherheit und Orientierung. Er braucht etwas, worauf er sich verlassen kann.
2
Die Herrenrechtler
Beschreibung
Er besteht darauf, dass der Mann bestimmt. Gleiche Rechte für Frauen erlebt er als Angriff auf seine Stellung. Dohm erzählt von einem Mann, der an Silvester festlegen wollte, wann Mitternacht ist. In der Runde auf der Buchmesse sagte Cindy Adriana Speich, dass ihr dieser Typ sehr bekannt vorkommt.
Gefühl
Angst, an Bedeutung zu verlieren. Dohm schreibt selbst, dass manche dieser Männer „aus Furcht“ handeln.
Bedürfnis
Anerkennung und ein sicherer Selbstwert. Er möchte gesehen werden und zählen.
3
Die praktischen Egoisten
Beschreibung
Er prüft jede Veränderung zuerst darauf, was sie ihm bringt und was sie ihn kostet. Seine Frage lautet: „Was habe ich davon?“ Zu Hause übernehmen andere viele Aufgaben, und dabei soll es bleiben.
Gefühl
Müdigkeit und Bequemlichkeit. Dazu die Sorge, dass noch mehr auf ihn zukommt.
Bedürfnis
Erholung und Entlastung. Er braucht Ruhe und Kraft für sich selbst.
4
Die Ritter der Mater dolorosa
Beschreibung
Er möchte Frauen beschützen. Ihren Platz sieht er als Mutter im Haus, fern von Beruf und Öffentlichkeit. Mater dolorosa ist Latein und heißt „schmerzensreiche Mutter“. Dohm nennt diese Männer mal Schutzengel, mal Wachhunde.
Gefühl
Sorge um die Menschen, die er liebt. Und die Angst, sie zu verlieren, wenn sie eigene Wege gehen.
Bedürfnis
Nähe und Verbundenheit. Er möchte gebraucht werden und dazugehören.
Was das mit deiner Orientierungskrise zu tun hat
Viele Jungen lernen früh: Gefühle, Schwächen und Grenzen behält man nicht bei sich. Die regelt man im Außen. Der Sozialpädagoge Lothar Böhnisch nennt das Externalisierung. Man funktioniert, man leistet, man kriegt das schon hin. Was innen los ist, bekommt keinen Platz.
Das Gute daran: Was früh weggedrückt wurde, ist noch da. Du kannst noch spüren, fragen und dich zeigen. Du hast es nur lange nicht gebraucht. In einer Orientierungskrise meldet sich genau das wieder. Deshalb ist die Frage nach der Rolle des Mannes heute vor allem eine Frage an dich selbst: Was steckt eigentlich in mir?
Ich kenne das aus meinem eigenen Leben. Bei meinem ersten Kind habe ich Elternzeit genommen, obwohl mein Chef dagegen war. Beim zweiten Kind sagte meine Vorgesetzte zu mir: „Jetzt stelle ich schon einen Mann in Teilzeit ein, und dann nimmt der auch noch Elternzeit.“ Danach wurde mir gekündigt. Ich habe dann ein Sozialunternehmen für Väter gegründet. Die Frage, was für ein Vater ich sein will, hat mir damals den Weg gezeigt.
Neue Männlichkeit: Was du mitnimmst
Wer die vier alten Rollen nicht mehr will, sucht schnell nach einer neuen, die richtig ist. Den sanften Mann zum Beispiel, oder den perfekten modernen Vater. So ein neues Kostüm hilft dir aber wenig, auch wenn es neue Männlichkeit heißt. Neue Männlichkeit heißt für mich: Du nimmst die Stärken aus den alten Rollen mit und lässt den Rest liegen.
- Halt aus Werten, die du selbst gewählt hast.
- Verantwortung, bei der niemand kleingemacht wird.
- Ehrlichkeit darüber, was du brauchst und was du gewinnst, wenn du teilst.
- Fürsorge, die anderen etwas zutraut.
Die Soziologin Raewyn Connell hat gezeigt, dass es immer mehrere Arten gab, ein Mann zu sein. Eine davon galt jeweils als Maßstab. Den Maßstab für dein Leben darfst du dir selbst setzen.
Für mich bedeutet Männlichkeit in erster Linie, Verantwortung zu übernehmen, für mich selbst und für meine Kinder. Es geht mir darum, Werte nicht nur zu haben, sondern sie vorzuleben: durch Fürsorge, Verlässlichkeit, aber auch durch klare Haltung und den Mut, einzustehen. Im Alltag übersetze ich das ganz praktisch: Ich tue aktiv das, was mir gut tut, und baue mir so die Gesundheit und Resilienz auf, die ich brauche, um für andere da zu sein.
Im Coaching arbeite ich mit Männern genau daran: Werte klären, eine eigene Haltung finden, in Partnerschaft und Familie anders auftreten. Und in der Männerrunde reden Männer einmal im Monat über solche Fragen. Ohne Bühne und ohne Bewertung.
Coaching 1:1
STANDFEST – wenn du merkst: So nicht weiter.
Fünf Sitzungen online für Männer in Stress, Orientierungskrisen und Konflikten – im Job, in der Partnerschaft, mit den Kindern. Das Erstgespräch dauert 30 Minuten und kostet nichts.
Deine eigene Antwort: vier Fragen für eine neue Perspektive
Die Antwort auf die Frage nach Männlichkeit möchte ich dir nicht geben. Du darfst dir aber selbst erlauben, Männlichkeit für dich zu beantworten. Nimm dir 20 Minuten und schreib zu jeder Frage auf, was dir zuerst einfällt.
- Wo halte ich an etwas fest, nur weil es immer so war? Ein Satz von deinem Vater, eine Regel zu Hause, ein Bild davon, was ein Mann tut.
- Wo will ich bestimmen, obwohl ich eigentlich unsicher bin? Denk an das letzte Mal, als du lauter warst, als es nötig war.
- Wo profitiere ich, ohne es zu merken? Was erledigt jemand anderes für dich, worüber du nie nachdenkst?
- Wo beschütze ich, wo ich auch etwas zutrauen könnte? Bei deiner Partnerin, deinen Kindern, deinen Kollegen.
Zum Schluss schreibst du drei Sätze auf, die mit „Als Mann will ich …“ anfangen. Häng den Zettel dahin, wo du ihn jeden Tag siehst. In einem Monat liest du ihn noch mal.
Häufige Fragen
Was bedeutet Männlichkeit heute?
Männlichkeit heute ist eher eine Frage als eine feste Rolle. Die alten Bilder vom Ernährer und Bestimmer funktionieren für viele nicht mehr, und neue sind nicht vorgegeben. Das macht unsicher. Es gibt dir aber auch die Freiheit, selbst zu entscheiden, was Stärke, Verantwortung und Fürsorge für dich heißen.
Was ist mit neuer Männlichkeit gemeint?
Meistens eine Männlichkeit, zu der auch Gefühle, Fürsorge und Gleichberechtigung gehören. Ein fertiges Ideal gibt es dafür nicht. Wichtig ist, dass du deine eigenen Werte findest und danach lebst.
Was ist die Rolle des Mannes heute?
Eine feste Rolle gibt es nicht mehr. Viele Männer verdienen Geld, kümmern sich um ihre Kinder und wollen eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Wie du das für dich mischst, entscheidest du selbst. Hilfreich ist, sich klarzumachen, was dir wirklich wichtig ist.
Was tun, wenn ich als Mann nicht mehr weiß, wer ich sein will?
Nimm die Unsicherheit ernst. Sie ist kein Zeichen von Schwäche. Ein guter Anfang ist, aufzuschreiben, was dir wichtig ist. Danach hilft es, mit jemandem darüber zu reden: mit einem Freund, in einer Männergruppe oder in einer Beratung. Hält die Krise lange an oder drückt sie auf deine Stimmung, sprich auch mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt.
Zum Weiterlesen
Bianca Walther: Die Vorkämpferinnen (2026)

Die Historikerin und Podcasterin Bianca Walther erzählt, wie aus vielen einzelnen Frauen die erste Frauenbewegung in Deutschland wurde. Ihr Buch beginnt bei der Revolution von 1848 und endet bei der ersten Rede einer Frau in der Nationalversammlung 1919. Hedwig Dohm und ihre vier Typen haben darin ihren Platz. Erschienen ist das Buch im April 2026 bei S. Fischer. Zum Buch beim Verlag
Quellen
- Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung, Kapitel „Vier Kategorien der Antifeministen“, Hedwig Dohm, Berlin 1902
- Hedwig Dohms „Die Antifeministen“, Susanne Maurer, Aus Politik und Zeitgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung, 2018
- Spannungsfeld Männlichkeit. So ticken junge Männer zwischen 18 und 35 Jahren in Deutschland, Plan International Deutschland, 2023
- Väterreport 2023, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2023
- Die Vorkämpferinnen. Wie aus vielen Frauen eine Bewegung wurde, Bianca Walther, S. Fischer, 2026
- FBM: Feminismus gestern und heute mit Sophia Fritz, Cindy Speich, Bianca Walther, Deutschlandfunk, Frankfurter Buchmesse 2026
- Männliche Sozialisation. Eine Einführung, Lothar Böhnisch, Beltz Juventa, 2. Auflage 2013
- Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Raewyn Connell, Springer VS, 4. Auflage 2015
